Die blutige Repression des Aufstands vom 18 Januar 2026 markiert den Eintritt der iranischen Gesellschaft in eine qualitativ neue Phase ihrer historischen Entwicklung – eine Phase, die nicht bloß durch eine vorübergehende Stilllegung des öffentlichen Raums gekennzeichnet ist, sondern durch einen Zustand verdichteter gesellschaftlicher Trauer, kollektiver Traumatisierung, internalisierter Wut und kollektive Ungewissheit. Die scheinbare Ruhe auf den Straßen ist kein Ausdruck Stabilisierung, sondern Resultat eines durch Gewalt erzeugten Schockzustands. Die Gesellschaft ist verwundet – durch massenhafte Tötungen, systematische Verhaftungen, nackte staatliche Gewalt und systematische Erniedrigung. Tausende Familien befinden sich in Trauer, hunderte Städte im Zustand sozialer Lähmung, Millionen Menschen sind von psychischer Erschöpfung und kollektiver Traumatisierung betroffen. Es handelt sich um eine tiefgreifende Form gesellschaftlicher Trauerarbeit, die – ohne politische Auseinandersetzung und Vorbereitung eines bewusst organisierten Kampfes für eine soziale Revolution– in Demoralisierung, Atomisierung und sukzessive Unterwerfung umschlagen kann.
Die strategische Kernfrage lautet: Wird diese kollektive Trauer in Entpolitisierung und Fragmentierung der subalternen Klassen münden – oder kann sie in eine bewusste, organisierte und revolutionäre Energie transformiert werden, die auf die Überwindung der bestehenden Produktions- und Herrschaftsverhältnisse zielt? Die Geschichte klassenkämpferischer Bewegungen zeigt, dass Trauer, sofern sie durch politische Organisation und revolutionäres Bewusstsein vermittelt wird, in eine materielle Kraft umschlagen kann, die zur Reorganisation kollektiver Handlungsfähigkeit beiträgt.
Der Aufstand vom 18. Januar entwickelte sich auf dem Boden einer kapitalistisch strukturellen Krise und eines religiös-despotisches Regime im Iran. Diese Krise manifestiert sich in der Erosion der Reproduktionsbedingungen der Arbeitskraft: im kontinuierlichen Realwertverlust der Löhne, in der Massenarbeitslosigkeit und der Zerstörung des sozialen Sicherungssystems. Der Verfall der nationalen Währung und die sprunghafte Entwertung infolge der Wechselkursdynamik fungierten lediglich als auslösende Momente; strukturell entscheidend war die Transformation der ökonomischen Krise in eine umfassende Hegemoniekrise des politischen Herrschaftsapparates. Die Fähigkeit des Staates, gesellschaftliche Widersprüche durch materielle Zugeständnisse, ideologische Integration oder selektive Repression zu regulieren, geriet an ihre Grenzen. Unter solchen Bedingungen überschritt die Bewegung notwendig den Rahmen der rein ökonomischer Forderungen und artikulierte sich als implizite Infragestellung des gesamten Machtapparats.
Die Reaktion des Islamischen Regimes bestand in der unmittelbaren Aktualisierung des staatlichen Gewaltmonopols in seiner nackten Anwendung. Die Extensive physische Vernichtung, massenhafte Inhaftierungen und die Militarisierung des öffentlichen Raums zielten auf die Herstellung eines generalisierten Einschüchterungseffekts, um die gesellschaftliche Initiative zu brechen und sie in einen Zustand passiver Reproduktion zurückzuführen. Kurzfristig konnte dadurch die offene Präsenz der revoltierenden Massen im urbanen Raum eingedämmt werden. Ohne die Intervention organisierter revolutionärer Kräfte besteht jedoch die Gefahr, dass die Niederlageerfahrung in politische Desorientierung, strategische Vereinzelung und den Verlust kollektiver Handlungsfähigkeit umschlägt. Zugleich bleiben die objektiven Krisenbedingungen – die strukturellen Widersprüche der kapitalistischen Akkumulation und die autoritäre Verfasstheit des Staates – wirksam und reproduzieren fortwährend das Potenzial erneuter sozialer Explosionen.
Unter solchen Bedingungen gewinnt die Aufgabe bewusster und revolutionärer Kräfte – insbesondere der Kommunisten– eine qualitativ gesteigerte Bedeutung. Die Gesellschaft befindet sich gegenwärtig in einer komplexen Konstellation widersprüchlicher Affektlagen: Zorn über die manifeste Klassenunterdrückung und das vergossene Blut, Trauer um die Gefallenen sowie eine hartnäckige Hoffnung, die aus der Erfahrung der eigenen kollektiven Handlungsfähigkeit hervorgeht und darauf beharrt, dass dieser Zustand keine dauerhafte Reproduktionsform gesellschaftlicher Herrschaft sein kann.
Diese Hoffnung entspringt keiner voluntaristischen Illusion, sondern ist materiell verankert in der real vorhandene Strukturkrisen, aus welchen das Regime keinen Ausweg finden kann.
Gleichwohl können Zorn und Erschöpfung, sofern sie nicht durch politisches Bewusstsein vermittelt werden, in gefährliche Sackgassen führen. Eine dieser Sackgassen besteht in der Parole vom Sturz der Islamischen Republik „um jeden Preis“. Die historische Erfahrung lehrt, dass eine solche Haltung objektiv den Kräften den Weg ebnet, die bei formaler Veränderung der Staatsform die kapitalistische Produktionsweise und den bestehenden Staatsapparat unangetastet lassen wollen. Monarchistische Strömungen, Referendumsbefürworter und Anhänger einer verfassungsgebenden Versammlung unterscheiden sich in ihren institutionellen Vorschlägen, teilen jedoch einen strategischen Fluchtpunkt: die Verhinderung einer sozialen Revolution und die Bewahrung der grundlegenden Eigentums- und Machtverhältnisse. Die ideologische Entlarvung dieser Tendenzen sowie eine klare klassenpolitische Abgrenzung von ihnen sind integraler Bestandteil des gegenwärtigen Kampfes.
Die zentrale Lehre des Aufstands vom 18. Januar besteht darin, dass eine formlose, wenn auch massenhafte und mutige Beteiligung der Massen am Kampf für den Sieg nicht ausreicht.
Die Geschichte revolutionärer Prozesse zeigt, dass die breite Mobilisierung der Massen ohne Organisation und Klassenbewusstsein keineswegs die Verwirklichung ihrer Interessen garantiert, sondern unter Umständen selbst zum Moment der Reproduktion reaktionärer Herrschaft werden kann. Eine unorganisierte Masse ohne positive, programmatisch bestimmte Forderungen bringt zwar eine gewaltige materielle Kraft auf die Bühne der Geschichte, ist jedoch aufgrund des Fehlens vom Staat unabhängiger Organisationsformen und kollektiver Entscheidungsstrukturen außerstande, die politische Richtung der Revolution zu bestimmen. Unter solchen Bedingungen fällt die Initiative zwangsläufig jenen Kräften zu, die bereits über höhere Organisationsgrade verfügen – Kräften, deren Ziel nicht die radikale Umwälzung der Eigentums- und Machtverhältnisse, sondern die Einhegung und Umlenkung der Massenbewegung ist.
In der Phase der Entscheidung über die alternative Staatsform verwandelt sich diese Unorganisiertheit objektiv in eine Situation, in der die Massen zur bloßen Manövriermasse reaktionärer Formationen degradiert werden. Sie stellen die Straßenmobilisierung und tragen die Kosten der Repression, während die politische Entscheidungsmacht und die Aneignung der Staatsgewalt in den Händen organisierter Minderheiten liegen, deren Programm den Interessen der Arbeiterklasse und der werktätigen Schichten entgegensteht. Nur eine unabhängige klassenmäßige Organisierung – in Form von Rätestrukturen, kämpferischen Arbeiterorganisationen und einer revolutionären Führung – kann diese Verkehrung verhindern und gewährleisten, dass die materielle Kraft der Massen nicht zur bloßen Zirkulation von Eliten an der Spitze dient, sondern auf die revolutionäre Transformation der bestehenden Ordnung gerichtet wird.
Das Regime besitzt keine reale historische Perspektive der dauerhaften Reproduktion und wird notwendigerweise gestürzt werden; ihre relative Stabilität bis heute ist jedoch Resultat der organisatorischen Schwäche der Bewegung, des Fehlens einer revolutionären Führung und der ausbleibenden konstituierten politischen Intervention der Arbeiterklasse als eigenständiges Subjekt. Ohne bewusste Organisation werden Aufstände entweder gewaltsam zerschlagen oder in systemkonforme Bahnen umgeleitet.
Daher besteht unsere vordringlichste Aufgabe heute darin, zu verhindern, dass unterschiedliche gesellschaftliche Schichten in zukünftigen Kämpfen in unorganisierter, form- und orientierungsloser Masse auftreten. Ziel muss die Herausbildung einer bewussten, organisierten Kraft mit klaren positiven Forderungen sein. Dies gilt insbesondere für die Arbeitslosen und prekär Beschäftigten – jenen Abschnitt der Gesellschaft, der bereits im letzten Aufstand eine zentrale Rolle spielte. Diese Personen entsprechen nicht dem klassischen Bild der „Fabrikarbeiter:innen“, repräsentieren jedoch eine potenziell explosive materielle Kraft. Die Repression hat dieses Potenzial nicht ausgelöscht; es handelt sich um ein Feuer unter der Asche. Unsere Aufgabe ist es, diese Schichten zu organisieren und ihre Energie in einen organisierten, zielgerichteten Klassenkampf zu kanalisieren.
Es gibt keinen Abkürzungsweg zur Revolution. Die Vernetzung von Universität, Arbeitsumfeld und Stadtvierteln ist eine strategische Notwendigkeit. Ohne diesen Zusammenhang bleibt jede Sphäre isoliert und verwundbar. Studierende, Schüler:innen, Arbeiter:innen, Lehrer:innen, Rentner:innen und Bewohner:innen proletarischer Quartiere besitzen jeweils spezifische Aufgabenfelder. Die Erfahrungen der Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ zeigen, dass die Begrenzung des Kampfes auf ein einziges Terrain die Kosten der Repression erhöht. Fortschrittliche Studierende müssen erkennen, dass ihr Kampf über den Campus hinausgeht, gleichzeitig aber Kontinuität und Erhalt der eigenen Kraft von zentraler Bedeutung sind. Arbeiter:innen müssen in ihren Arbeitsbereichen organisieren, während Stadtviertel zu Knotenpunkten kollektiver Solidarität und Widerstandskraft werden können.
In einer Gesellschaft, die faktisch in einem Kriegszustand lebt, deren Ökonomie, Bildungssystem und soziale Dienstleistungen zusammengebrochen sind, stellt sich die Frage nach der strategischen Aufgabe bewusster Kräfte: Agitation, Propaganda und Organisation bleiben grundlegend, doch ihre konkrete Form ist entscheidend. Recht auf Gerechtigkeit, Unterstützung der Verletzten, Solidarität mit den Familien der Getöteten und Inhaftierten, die Schaffung lokaler Solidaritätskomitees – all dies ist nicht nur humanitäre Pflicht, sondern zugleich ein Akt der Rekonstruktion kollektiven Vertrauens und kollektiver Kampfkraft. Es darf nicht zugelassen werden, dass Familien und Betroffene mit ihrem Leid und ihrer Trauer isoliert bleiben. Es muss verbreitet werden, dass das Unrecht, das einer Familie widerfährt, ein Unrecht ist, das der gesamten Gesellschaft auferlegt wurde.
Unabhängig von Krieg oder Frieden befindet sich die iranische Gesellschaft in einer strukturellen und sich verschärfenden Krise, die sich durch jedes Ereignis – sei es Repression oder Massenaufstand – reproduziert und innerhalb der bestehenden Ordnung nicht gelöst werden kann. Unter diesen Bedingungen besteht die Aufgabe der unterdrückten Kräfte darin, dauerhafte Formen kollektiver Solidarität und Organisation zu schaffen: lokale Solidaritätskomitees in Stadtvierteln und Arbeitsbereichen, Unterstützung der Betroffenen und trauernden Familien sowie die Organisation von Studierenden und fortschrittlichen Gruppen als Teil eines umfassenderen Kampfes. Nur durch solche fortschritlichen vereinten Organisationen kann die materielle Kraft der Massen auf den Weg einer realen sozialen Revolution gelenkt werden, während reaktionäre Kräfte – seien es Monarchist:innen, Referendumsbefürworter:innen oder Anhänger:innen einer verfassungsgebenden Versammlung – entlarvt und isoliert werden können.
Gleichzeitig ist eine systematische Analyse der bisherigen Erfahrungen unabdingbar: Welche politischen Fehler wurden im Aufstand vom 18. Januar begangen, und welche organisatorischen Defizite traten zutage? Wie können für die unterschiedlichen Phasen eines Aufstands adäquate Organisationsstrukturen geschaffen werden? Ein Aufstand ist kein singuläres Ereignis, sondern ein mehrstufiger, vielschichtiger Prozess. Jede Phase verlangt spezifische Formen der Organisation. Die intelligente Kombination von offener und verdeckter Organisationen, die Schaffung kleiner, zuverlässiger kommunistischer Kerne und deren Erhalt für entscheidende Momente sind grundlegende Anforderungen der gegenwärtigen Periode.
Die Bildung geheimer kommunistischer Zellen ist insbesondere unter den gegenwärtigen Krisenbedingungen eine dringende strategische Aufgabe. Diese Zellen müssen klein, diszipliniert und fest im Arbeits- und Lebensumfeld verankert sein; in Kontakt mit den Massen, aber wachsam gegenüber Sicherheitsrisiken. Ihre Existenzberechtigung liegt in der Verknüpfung von Theorie und Praxis und in der Vorbereitung auf die kommenden Wellen kollektiven Widerstands.
Die linken und kommunistischen Kräfte befinden sich heute in einer der schwierigsten Phasen ihrer Geschichte: Sie sind sozial präsent, aber fragmentiert, unter Druck von Seiten der Regimes, der oppositionellen Bourgeoisie und eines reaktionären medialen Umfeldes. Dennoch liegt die historische Perspektive ausschließlich in der Hand der Kommunist:innen. Nur sie können mit einem klaren Programm für Freiheit, Gleichheit, Rätedemokratie und Übertragung der Macht an die arbeitende Bevölkerung den Weg eröffnen – allerdings nur, wenn sie selbst als organisierte und disziplinierte Kraft auftreten.
Die objektive Realität der Gesellschaft zeigt, dass die blutige Repression des 18. Januar den Zyklus des Klassenkampfes nicht unterbrechen konnte. Bereits in der kurzen Zeit nach dem Massaker sind deutliche Anzeichen für die Kontinuität und Reproduktion sozialen Widerstands sichtbar. Die Intensivierung studentischer Kämpfe an den Universitäten, trotz permanenter Sicherheitsbedrohungen, beweist, dass die junge Generation nicht passiv bleibt, sondern neue Formen des Widerstands entwickelt. Gleichzeitig haben die Standhaftigkeit trauernder Familien und politischer Gefangener, durch Aufdeckung von Verbrechen und Weigerung, das Geschehene zu vergessen, eine der beständigsten und moralisch fundiertesten Formen des Widerstands hervorgebracht. Darüber hinaus zeigen selbst die begrenzte Wiederaufnahme von Versammlungen von Rentner:innen und Arbeitsniederlegungen, dass Proteste gegen Wirtschafskrisen und strukturelle Ungerechtigkeit selbst unter extrem repressiven Bedingungen nicht vollständig unterdrückt werden können.
Diese Indikatoren verdeutlichen: Der Kampf ist zwar verwundet und fragmentiert, aber lebendig. Er fließt unter der Oberfläche der Gesellschaft. Mit organisatorischer Verdichtung und Vernetzung dieser Brennpunkte kann er erneut auf eine höhere Ebene gehoben werden.
Der Aufstand vom 18. Januar hat die Gesellschaft in Trauer gestürzt, doch diese Trauer kann zu fruchtbarem Boden für Hoffnung werden – Hoffnung, die organisiert, bewusst und verwurzelt ist. Unsere Aufgabe besteht darin, aus Trauer und Zorn ein neues Horizont des Kampfes zu formen; einen Kampf, der nicht auf formlose Masse setzt, sondern auf die organisierte Präsenz von Arbeiter:innen, Unterdrückten, Studierenden, Frauen und Schüler:innen, und der sich in eine soziale Revolution für Arbeit, Brot, Freiheit und Räteregierung verwandelt.